Der europäische Leitzins ist so niedrig wie noch nie zuvor. Halten Sie die Strategie der EZB für richtig und erfolgsversprechend?


Diese Frage wird man wohl erst in einigen Jahren abschließend beantworten können. Jedenfalls ist die Strategie mit erheblichen Risiken und Nebenwirkungen verbunden, die vor allen Dingen Sparer und Anleger Tag für Tag spüren. Im Kern hat die Niedrigzinspolitik der EZB die Wirkung, dass vor allem hoch verschuldete Staaten einem echten Markttest entzogen werden. Durch die Möglichkeit der Finanzierung zu erleichterten Konditionen lässt allerdings der Druck auf notwendige, nachhaltige Reformen deutlich nach mit der Folge, dass die Tendenz zur Erhöhung der Staatsverschuldung weiter anhält.

Für die Finanzminister hat diese Politik zwar den Vorteil, dass die Zinsbelastungen reduziert werden, gleichzeitig erhalten die Sparer und Anleger allerdings wesentlich weniger Zinsen für ihre Geldanlagen. Übersteigt die Inflationsrate den Haben-Zins, dann findet ein wirtschaftlicher Vermögensverzehr statt, eine Art kalte Enteignung, gegen die sich der klassische, konservative Sparer nicht wehren kann.


Sie sind ein angesehener und über Parteigrenzen hinweg geschätzter Politiker. Sind Sie selber auch mit Ihrer politischen Laufbahn zufrieden?


Um es einmal rheinisch-fröhlich mit einem Lied der Höhner zu sagen: „Gut so, wie es ist“. Vor einigen Jahren wäre ich zwar auf der politischen Karriereleiter gerne noch eine Stufe höher geklettert, aber die Möglichkeit hat sich leider nicht ergeben. Im ersten Moment war ich enttäuscht, aber meine Mutter hat mir sofort gesagt: „Junge, wer weiß wofür es gut ist!“ – genau so ist es. Die Arbeit als Vorsitzender des Innenausschusses des Deutschen Bundestages macht mir nicht nur viel Arbeit sondern auch viel Freude, ich gehe jeden Tag gerne in mein Büro und auch nach 20-jähriger Mitgliedschaft im Deutschen Bundestag freue ich mich auf jeden neuen Tag mit parlamentarischer Arbeit. Außerdem: Der Mensch beginnt nicht beim Minister!


Das politische Parkett wird oft mit einem Haifischbecken verglichen, doch Sie sieht man so gut wie nie schlecht gelaunt. Was ist ihre Strategie?


Von meinem ganzen Wesen her bin ich hundertprozentiger Rheinländer, nicht nur von Geburt sondern auch aus Überzeugung. In punkto Arbeit bin ich allerdings hundertprozentiger Preuße. Es stimmt ja, ich lache gerne und bin auch immer für einen Scherz zu haben, aber darunter darf die Arbeit nie leiden. Außerhalb des Rheinlandes ist diese Kombination nicht immer leicht zu erklären oder zu verstehen. Viele verwechseln Fröhlichkeit mit Oberflächlichkeit. Aber das sind zwei ganz verschiedene Dinge. Man kann auch fröhlich an seinem Schreibtisch sitzen und dennoch hart und konzentriert arbeiten. Außerdem bin ich der festen Überzeugung: Die Politik wird nicht besser, wenn wir Politiker schlecht gelaunt sind.


Was tun Sie für sich, um Ihrer anspruchsvollen politischen Aufgabe tagtäglich gewachsen zu sein?


Aus bekannten Gründen konnte ich mein bisheriges Arbeitspensum leider nicht fortsetzen, insbesondere die rastlosen Touren zu politischen Veranstaltungen quer durch die Republik kann ich heute leider nicht mehr wie bisher absolvieren. Eigentlich schade, denn die Veranstaltungen machen mir nach wie vor große Freude. Aber es sind ja nicht nur die 2 bis 3 Stunden, die man vor Ort verbringt, es ist der damit verbundene Reiseaufwand, den ich deutlich reduzieren muss. Heute ist für mich wichtig, dass ich ausreichend Schlaf bekomme, damit ich am nächsten Tag zumindest einigermaßen fit bin. Bedeutet: Ich arbeite nicht mehr bis weit nach Mitternacht sondern mache schon um 22.00 Uhr oder 23.00 Uhr spätestens Schluss. Ich nehme mir auch keine Akten mehr mit nach Hause oder in das Hotelzimmer. Morgen ist auch noch ein Tag. Und da ich Tag für Tag entweder am Schreibtisch sitze oder an Gremiensitzungen oder Besprechungen teilnehmen muss, versuche ich mich in meiner Freizeit so oft wie möglich zu bewegen, am liebsten beim Tennis oder zumindest an der frischen Luft. Vielleicht mag sich das etwas paradox anhören, aber ein richtig anstrengendes Tennis-Match ist für mich pure Erholung. Da muss man sich 100% auf den Sport konzentrieren und dabei ist dann für die Niedrigzinspolitik der EZB oder für das transatlantische Freihandelsabkommen kein Platz mehr.